Warum die AfD im Osten stark bleibt – und wie wir das ändern können
Die AfD, diese scheinbar unverrückbare politische Größe, hält sich in Ostdeutschland hartnäckig. Zwischen Rostock und Zwickau stellen viele Menschen die Frage: Warum wenden sich so viele Wähler dieser Partei zu? Eine Antwort darauf zu finden, erfordert den Blick über einfache Erklärungen hinaus. Die AfD profitiert von einer tief sitzenden Enttäuschung und Verunsicherung, die nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf die Zeit der Wiedervereinigung zurückgeht. Die alten Wunden der deutschen Einheit sind bislang nicht verheilt, und viele Ostdeutsche fühlen sich nach wie vor wie Bürger zweiter Klasse. Gregor Gysi hat es kürzlich treffend in einem Interview mit dem Tagesspiegel formuliert: „Die Menschen haben das Gefühl, dass sie in der Einheit nichts geleistet haben, weil alles aus dem Westen kam.“
Hinzu kommt eine massive Entfremdung von den etablierten Parteien, die sich in vielen Teilen Ostdeutschlands nicht mehr als Ansprechpartner für die Sorgen der Bürger präsentieren. Es ist eine verpasste Chance, denn während die Linke sich auf bundesweite Themen fokussierte, konnte die AfD im Osten freie Räume besetzen. Doch es wäre zu einfach, die Verantwortung ausschließlich bei den Parteien zu suchen. Die Ostdeutschen selbst müssen sich fragen, wie sie mit dieser Enttäuschung umgehen und welche Antworten die AfD tatsächlich liefert. Eine Protestwahl ist eine starke Geste, aber sie ist keine Lösung für die Probleme.
Die AfD versteht es meisterhaft, die Ängste vor Globalisierung und Migration zu instrumentalisieren, besonders in Regionen, die vom wirtschaftlichen Strukturwandel betroffen sind. Gerade in ländlichen Gebieten fühlt sich die Bevölkerung oft abgehängt – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell. Der fehlende Konsum, die Dorfkneipe, die LPG-Jahreshauptversammlung: Diese Orte der Begegnung gibt es heute nicht mehr, und mit ihnen schwindet auch das Gefühl, Teil einer lebendigen Gemeinschaft zu sein. Gysi spricht hier einen wichtigen Punkt an: Der Mangel an sozialen Treffpunkten führt zur Isolation und einer zunehmenden Wut auf das „System“. Diese Lücke füllt die AfD nicht etwa mit Lösungen, sondern mit Parolen. Doch die Sehnsucht nach Identität und Zugehörigkeit kann nicht durch Nationalismus und Abgrenzung gestillt werden.
Was tun? Die Antwort liegt nicht nur in der politischen Gegenwehr, sondern auch im Engagement der Zivilgesellschaft. Es braucht mehr als bloße Kritik an der AfD, um ihre Wähler zu erreichen. Stattdessen muss die Politik in Ostdeutschland näher an die Menschen herankommen. Volksentscheide könnten ein Mittel sein, wie Gysi vorschlägt, um das Gefühl der Mitbestimmung zu stärken. Gleichzeitig müssen Kommunikations- und Kulturangebote aufs Land gebracht werden, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern. Wenn wir es schaffen, diesen Austausch zu stärken, könnte die „Daffke-Haltung“, die so viele zur AfD treibt, schwinden.
Am Ende bleibt die Frage: Werden die Ostdeutschen erkennen, dass die AfD keine Zukunftsvision bietet? Die Antwort darauf wird auch davon abhängen, ob es den anderen Parteien gelingt, eine echte Alternative zu bieten, die die Menschen ernst nimmt und ihnen wieder Hoffnung gibt. Denn nur so kann der braune Fleck, den die AfD hinterlassen hat, verblassen.
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