…und keiner will es verstehen.
Der Osten wählt anders. Das ist keine Neuigkeit, sondern eine Konstante der letzten Jahrzehnte, die von Wahl zu Wahl bestätigt wird. Doch selten war die Kluft zwischen Ost und West so deutlich sichtbar wie nach dieser Bundestagswahl. Während im Westen die gewohnten Volksparteien noch immer den Ton angeben, haben sich in Ostdeutschland die politischen Ränder verfestigt. AfD und Linke erreichen hier Ergebnisse, die weit über dem Bundesdurchschnitt liegen. Und auch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) verzeichnet mit 9,3 Prozent ein beachtliches Resultat. Eine Erosion der politischen Mitte? Vielleicht. Vor allem aber ein unübersehbares Zeichen des Protests.
Fast ein Drittel der Zweitstimmen für die AfD, 13,4 Prozent für die Linke, zusätzlich das starke Abschneiden des BSW – zusammen ergibt das eine klare Mehrheit für jene Parteien, die sich explizit gegen den politischen Status quo positionieren. Die traditionellen Parteien hingegen verlieren weiter an Vertrauen. Das Argument, dass sich diese Entwicklung in vielen europäischen Ländern abzeichnet, mag stimmen. Doch das macht die Lage nicht harmloser. Denn gerade in Ostdeutschland ist das Wahlergebnis Ausdruck einer tief sitzenden politischen Entfremdung. Wer den Osten verstehen will, muss nicht nur auf die Wahlstatistiken schauen, sondern auch auf die Erfahrungen, die dahinterstehen. Es sind nicht nur die älteren Wähler, die sich abwenden. Die Wahlanalysen zeigen, dass in Ostdeutschland besonders junge Wähler unter 30 Jahren deutlich anders abstimmen als ihre Altersgenossen im Westen. Wer von Perspektivlosigkeit, strukturellen Nachteilen und einem Gefühl des Abgehängtseins betroffen ist, hat wenig Grund, die Parteien zu unterstützen, die diesen Status quo verwalten. Ob man die AfD oder das BSW für eine sinnvolle Alternative hält, ist eine andere Frage – doch die Sehnsucht nach einer politischen Neuordnung ist unverkennbar.
Hinzu kommt die anhaltende Debatte über die Abschaffung des Ostbeauftragten der Bundesregierung. Diese Diskussion mag aus einer westdeutschen Perspektive nachvollziehbar erscheinen – schließlich sind mehr als 30 Jahre seit der Wiedervereinigung vergangen. Doch in einer Region, in der wirtschaftliche, soziale und politische Unterschiede nach wie vor gravierend sind, wirkt sie wie ein weiteres Zeichen der Ignoranz. Der Osten, so scheint es, soll sich endlich fügen, aufhören, seine eigene Geschichte und seine spezifischen Herausforderungen einzufordern. Dass genau diese Haltung die politische Spaltung weiter vertieft, dürfte niemanden überraschen.
Die Wahl zeigt einmal mehr, dass sich viele Ostdeutsche in diesem Staat nicht wirklich zu Hause fühlen. Sie erleben sich nicht als gleichberechtigter Teil der Bundesrepublik, sondern als Angehörige einer Region, die permanent zur Anpassung aufgefordert wird, deren spezifische Probleme aber bestenfalls randständig behandelt werden. Diejenigen, die noch in der DDR sozialisiert wurden, sehen sich mit einem politischen System konfrontiert, das ihre Erfahrungen oft delegitimiert. Die Jüngeren hingegen sind in einem Deutschland aufgewachsen, in dem Ostdeutschland vor allem als Problemzone auftaucht. Dass daraus politischer Frust und Protest erwachsen, sollte niemanden überraschen. Die etablierte Politik hat dem Osten wenig zu bieten. Wenn sich die Diskussionen über Ostdeutschland fast ausschließlich um die Wahlerfolge der AfD drehen, verkennt man das eigentliche Problem. Die Partei ist nicht die Ursache der ostdeutschen Unzufriedenheit, sondern deren Symptom. Wer diese Entwicklung stoppen will, muss sich nicht nur mit den rechten Wahlerfolgen auseinandersetzen, sondern mit den strukturellen Problemen, die sie begünstigen. Wer stattdessen nur über die politische Mitte klagt, hat nicht verstanden, dass sich diese Mitte in Ostdeutschland schon lange nicht mehr als solche fühlt.
Die Wahl vom Sonntagabend war ein Weckruf – doch die Frage ist, ob ihn in Berlin jemand hören will. Oder ob man erneut versucht, das Wahlergebnis als bloßen Ausreißer abzutun, als politisches Missverständnis, das sich mit ein wenig mehr Aufklärung und Dialog schon richten ließe. Der Osten wählt nicht aus Versehen anders. Er wählt anders, weil er eine andere Geschichte, andere Erfahrungen und eine andere politische Sozialisation hat. Wer das ignoriert, wird sich in vier Jahren über noch radikalere Wahlergebnisse wundern.
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