Reparationen, Demontage, Ungleichheit – die ökonomischen Lasten der ostdeutschen Vergangenheit
Die Wiedervereinigung Deutschlands wird oft als Erfolgsgeschichte verkauft. Doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell, dass in dieser Erzählung ein blinder Fleck existiert: die tiefgreifenden wirtschaftlichen Ungleichheiten zwischen Ost und West, die nicht allein durch den Sozialismus der DDR erklärt werden können. Die ökonomischen Strukturen, die den Osten auch heute noch belasten, sind vielmehr das Ergebnis einer jahrzehntelangen systematischen Benachteiligung, die mit der Teilung Deutschlands und den darauf folgenden Reparationszahlungen an die Sowjetunion ihren Ursprung nahm. Während die westdeutschen Bundesländer durch den Marshall-Plan aufblühten, wurden der DDR ihre wirtschaftlichen Grundlagen entzogen.
Maschinen, Rohstoffe und ganze Produktionsstätten wurden aus dem Osten demontiert und nach Russland verschifft. Der Osten zahlte seine Schulden ab, während der Westen durch die Unterstützung der Alliierten wirtschaftlich prosperierte. Es ist daher kein Zufall, dass die Wirtschaftskraft des Ostens noch immer weit hinter der des Westens zurückbleibt. Eine umfassende Wirtschaftsdemontage wie jene, die die DDR in den 1950er Jahren erlebte, wäre in der Bundesrepublik undenkbar gewesen. Die Ungleichheit, die daraus entstand, prägt die Wirtschaftslandschaft Deutschlands bis heute.
Die Lohnlücke von rund 19 Prozent ist nicht nur ein Symbol für die anhaltende Benachteiligung der Ostdeutschen, sondern auch Ausdruck einer fehlgeleiteten Politik, die seit 1990 zu wenig unternommen hat, um die strukturellen Ungleichheiten zu beheben. Und das, obwohl die Wirtschaft im Osten oft schneller wächst als im Westen. Der Osten bringt beständig Leistung, erhält jedoch nicht die gleiche Anerkennung – weder finanziell noch politisch.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und seine sächsischen Vertreter wie Markus Schlimbach haben zurecht auf diese Missstände hingewiesen und fordern eine Politik, die endlich die Bedeutung von Tarifverträgen anerkennt. Ohne eine stärkere Tarifbindung werden die Löhne im Osten nicht nachhaltig steigen. Es ist eine politische Verantwortung, die ökonomische Benachteiligung endlich zu beenden. Sachsen, das Bundesland mit der geringsten Tarifbindung, hat eine Vorbildfunktion. Wer den Osten stabilisieren will, muss nicht nur Sonntagsreden über Einheit und Gerechtigkeit halten, sondern konkrete Taten folgen lassen: Die Einführung eines Vergabegesetzes mit Tariftreue ist ein erster wichtiger Schritt, den die CDU in Sachsen bislang jedoch blockiert hat.
Die Ungleichheit zwischen Ost und West ist keine historische Kuriosität, sondern eine andauernde Ungerechtigkeit, die endlich angegangen werden muss. Wer sich weigert, aktiv gegen die Lohnlücke vorzugehen, verrät die Versprechen der Einheit.
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