Zwischen Enttäuschung und der Suche nach neuen Perspektiven in Ostdeutschland
Das politische Erdbeben, das sich in Ostdeutschland abzeichnet, ist längst keine Überraschung mehr. Michael Kraske bringt es in seinem Artikel auf den Punkt: Die Verschiebungen in der politischen Landschaft sind nicht plötzlich entstanden, sie sind das Ergebnis eines tiefen, lange währenden Prozesses. Ostdeutschland ist nicht einfach der „abgehängte Teil“ der Republik, sondern eine Region, die von Bruchlinien durchzogen ist, deren Ursache wir nicht länger ignorieren können. Kraske hat recht, wenn er sagt, dass die Enttäuschung über das politische Establishment nicht nur ein kurzfristiges Phänomen ist, sondern tief verwurzelt im Gefühl der Ungleichbehandlung und Marginalisierung.
Doch so klar der Befund auch sein mag, Kraskes Analyse hat Schwächen. Es reicht nicht, den Finger auf die Enttäuschungen zu legen, ohne sich auch die Frage zu stellen, wie sie so groß werden konnten. Die gescheiterten Hoffnungen der Wendezeit, die wirtschaftlichen Umbrüche, die Leerstelle, die der soziale Staat im Osten hinterlassen hat – all das sind real existierende Probleme, die Kraske überzeugend beschreibt. Aber was passiert, wenn man diese Probleme immer wieder als Schicksal präsentiert, an dem man nichts ändern kann? Es entsteht eine Haltung der Resignation, die letztlich nur den populistischen Kräften in die Hände spielt.
Kraske zeigt richtig auf, dass die AfD vom Unmut vieler profitiert, die sich von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlen. Doch die Fokussierung auf die AfD alleine greift zu kurz. Die eigentliche Frage ist doch: Warum haben wir in den letzten Jahrzehnten keine wirklichen Alternativen entwickelt? Warum scheitern die Versuche, der Bevölkerung ein positives Zukunftsbild zu vermitteln? Und hier fehlt Kraskes Artikel eine tiefere Auseinandersetzung mit den Lösungen, die es bräuchte, um diesen politischen Erdbeben zu begegnen. Es ist zu einfach, die politische Elite an den Pranger zu stellen, ohne dabei die Rolle der Gesellschaft selbst zu hinterfragen.
Was wir jetzt brauchen, sind nicht nur neue politische Konzepte, sondern auch eine andere Art des Dialogs. Es reicht nicht, immer wieder die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen oder dieselben alten Versprechen zu machen. Was im Osten fehlt, ist eine Vision, die über die Verwaltung der Gegenwart hinausgeht. Der wirtschaftliche Aufschwung alleine reicht nicht aus, um das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen – es geht auch um Identität, um Zugehörigkeit, um das Gefühl, nicht nur eine Randnotiz der deutschen Geschichte zu sein.
Das große Beben, von dem Kraske spricht, ist also nicht nur ein politisches – es ist auch ein gesellschaftliches. Ostdeutschland verlangt nach Anerkennung, nicht nur nach wirtschaftlicher Gleichheit. Und solange wir diese Anerkennung weiterhin in den rhetorischen Phrasen und symbolischen Gesten der politischen Mitte suchen, werden wir das Erdbeben nicht stoppen können. Kraske hat recht, wenn er auf die Gefahren hinweist, aber wir dürfen nicht nur auf die Warnsignale achten – wir müssen auch anfangen, zu handeln.
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