Die grüne Revolution in Ostdeutschland

Zwischen Hoffnung und Herausforderung

In den neuen Bundesländern vollzieht sich eine stille, doch gewaltige Transformation. Einst Zeugen des industriellen Niedergangs nach der Wende, erleben Regionen wie Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen eine wirtschaftliche Renaissance, die maßgeblich von der Ansiedlung neuer Industriezweige und Unternehmen getragen wird. Die grüne Revolution, wie sie manche nennen, verspricht viel: Arbeitsplätze, Wertschöpfung, Nachhaltigkeit.

Es ist unbestreitbar wichtig, dass gerade in den neuen Bundesländern investiert wird. Jahrzehnte des wirtschaftlichen Rückstands gegenüber dem Westen, Abwanderung und eine teilweise brachliegende Infrastruktur bilden die Ausgangslage. Investitionen in moderne Industrien können die regionale Wirtschaft stimulieren, das verfügbare Humankapital besser nutzen und letztlich zur Angleichung der Lebensverhältnisse in Deutschland beitragen. Hinzu kommt das enorme Potenzial im Bereich der erneuerbaren Energien, das Ostdeutschland bietet und bereits in Ansätzen nutzt.

Unternehmen profitieren ebenfalls von der Standortwahl in den neuen Bundesländern. Platzangebot, eine relativ gute Infrastruktur und bezahlbarer Wohnraum sind, wie Daniel Hannemann, Gründer von Tesvolt, in seinem Interview mit dem Stern treffend beschreibt, nur einige der Vorteile. Auch die Nähe zu osteuropäischen Arbeitsmärkten und der EU-interne Standort können attraktiv sein. Während Hannemann sein Unternehmen bewusst gegen die günstigere Fertigung in Asien entscheidet, setzt er auf Qualität, Innovation und europäische Lieferketten. Ein Schritt in die richtige Richtung: die Stärkung lokaler Wertschöpfung und die Unabhängigkeit von globalen Lieferkettenrisiken.

Doch die Medaille hat zwei Seiten. Die Neuansiedlung kann auch Probleme mit sich bringen, etwa die Sorge um den ökologischen Fußabdruck oder die Auswirkungen auf die lokale Gemeinschaft. Der Abbau von Lithium für Batteriezellen und anderen Rohstoffen ist ein heikles Thema, das Unternehmen wie Tesvolt vor Herausforderungen stellt, gerade in Bezug auf Umweltstandards und Arbeitsbedingungen in den Abbauländern. Auch wenn durch Innovationstechnologie der Lithiumanteil reduziert werden soll, bleibt die Problematik bestehen.

Die Erwartung, dass die Ansiedlung von Unternehmen wie Tesla, CATL oder Intel quasi-automatisch eine gesamtwirtschaftliche Blüte herbeiführt, ist ebenfalls trügerisch. Subventionen, wie die zehn Milliarden Euro für Intel, werfen Fragen nach der Angemessenheit staatlicher Förderung auf. Sie dürfen nicht zur versteckten Beihilfe für Konzerne mutieren, die ohne ausreichende Investition in das lokale Gemeinwohl auskommen.

Hannemanns Sicht auf Start-ups und deren Bedürfnisse zeigt auch, dass es nicht nur um große Player geht. Die Entwicklung einer regional-kompatiblen Wirtschaft erfordert ein Ökosystem, das Start-ups und KMUs fördert und ihnen bei der Skalierung ihres Wirkens unterstützt – nicht nur finanziell, sondern auch durch politische und infrastrukturelle Rahmenbedingungen.

Die grüne Revolution in Ostdeutschland kann eine Chance sein – für nachhaltiges Wachstum, für die Schaffung zukunftsfähiger Arbeitsplätze und für den regionalen Ausgleich. Doch dies erfordert ein Umdenken und neue Konzepte, die über die reine Ansiedlung von Industrien hinausgehen. Widerstände gegen die Energiewende, wie sie Hannemann erwähnt, unterstreichen das Bedürfnis nach einem breiten gesellschaftlichen Konsens und einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema – es geht nicht nur um Investitionen, sondern auch um Überzeugungsarbeit und Partizipation.

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