Ein Landstrich im Aufwind, doch noch nicht am Ziel

Zwischen Aufbruchsstimmung und strukturellen Herausforderungen

Mit zwei Gesellschaften lebte Deutschland lange Zeit: der dynamischen, wirtschaftlich starken im Westen und der nachziehenden, des Öfteren skeptisch beäugten im Osten. Doch diese Zeiten scheinen sich langsam zu wandeln, wenn man aktuelle Studienergebnisse zum zivilgesellschaftlichen Engagement betrachtet. In den neuen Bundesländern übernehmen Unternehmen Verantwortung, Bürger engagieren sich in Vereinen und die Zivilgesellschaft erstarkt. Es ist jedoch nicht die Zeit für Euphorie, sondern für eine genaue Betrachtung und das Stellen der Frage, was noch getan werden muss, damit Ost und West nicht nur formal, sondern auch in der gelebten Realität vereint sind.

Quelle: Vereinsregisterauslese 2012, 2016, 2019 und 2022; Statistisches Bundesamt 2022 (GENESIS Online); Freiwilligensurvey 2019

Ein sichtbares Zeichen des Wandels sind Unternehmen, die nicht nur wirtschaften, sondern auch die Ärmel hochkrempeln, wenn es um soziale Belange geht. Die Studie „Vielfältig. Lokal. Vernetzt“ offenbart, dass ostdeutsche Betriebe häufiger als ihre westdeutschen Pendants mit anpacken und die lokale Gemeinschaft unterstützen. Dies ist keine Selbstverständlichkeit und verdient Anerkennung; dennoch wird hierbei auch eine bittere Notwendigkeit offenbar. Aufgrund der geringeren Finanzkraft im Osten sind Unternehmen nicht selten dazu gezwungen, mit Tatkraft auszugleichen, was monetär nicht zu leisten ist.

Quelle: Monitor Unternehmensengagement 2018, NOstdeutschland= 748, NWestdeutschland= 4.879, gewichtet.
Quelle: Monitor Unternehmensengagement 2018, NOstdeutschland= 748, NWestdeutschland= 4.879, gewichtet.

Die finanzielle Unterstützung stößt auf eine harte Grenze. Trotz all der Willenskraft und des Engagements vermögen ostdeutsche Unternehmen durchschnittlich weniger zu spenden als ihre westdeutschen Pendants. Es ist zwar zu begrüßen, dass der Geist der Solidarität nicht am Geldbeutel gemessen wird, doch muss das Ziel sein, Kapitalgefälle abzubauen und so auch ostdeutschen Firmen die Chance zu geben, sich gleichwertig einzubringen. Langfristig ist es nicht nur eine Frage der Fairness, sondern auch der Sicherstellung einer vielfältigen und robusten Zivilgesellschaft.

Quelle: ZiviZ-Survey 2023, NOstdeutschland= 1.641., NWestdeutschland= 8.469, gewichtet.

Bemerkenswert ist außerdem die Diskrepanz in der Landschaft der zivilgesellschaftlichen Organisationen: Während Vereine vielerorts das Bild prägen, sind Stiftungen deutlich unterrepräsentiert. Diesem Ungleichgewicht muss begegnet werden, da Stiftungen nicht nur Finanzen, sondern auch Innovationskraft und nachhaltige Impulse für den sozialen Sektor bereitstellen können.

Die regionalen Unterschiede werfen zudem ein Licht auf die Vielschichtigkeit des Themas. Während in einigen Gebieten Vereinsgründungen florieren, stagnieren sie anderswo oder sind rückläufig. Dies verdeutlicht, dass es nicht ausreicht, in großen Zügen zu denken – Maßnahmen müssen regional angepasst und zielgerichtet sein.

Quelle: ZiviZ-Survey 2023, NOstdeutschland= 1.822, NWestdeutschland= 9.344, gewichtet.

Wir sollten uns hüten, den Fortschritt zu überschätzen. Trotz einer Annäherung an den Westen bleibt viel zu tun. Ostdeutsche Organisationen profitieren zwar verstärkt von öffentlichen Geldern, aber gerade die kleinen Akteure sind weiterhin knapp bei Kasse. Bürokratische Hürden erschweren ihnen den Zugang zu notwendigen Mitteln. Die Zivilgesellschaft lebt zwar, aber sie benötigt eine bessere Förderstruktur. Initiativen wie „Zukunftswege Ost“ sind ein Schritt in die richtige Richtung, weil sie versuchen, schnell und unbürokratisch zu helfen. Doch sind auch sie nur ein Baustein.

Ostdeutschland steht vor einer Zukunft, die ebenso herausfordernd wie vielversprechend ist. Die soziale Landschaft wächst zusammen, aber nur, wenn politische Akteure, Unternehmen und Einzelpersonen weiterhin an einem Strang ziehen und das Notwendige tun, um die Engagierten zu unterstützen.

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