Ostdeutschlands dringender Bedarf an arbeits- und sozialpolitischen Innovationen

Strategien gegen den Stillstand

Dreißig Jahre nach dem Wiedererlangen der Einheit kämpft Ostdeutschland immer noch mit bedeutsamen Herausforderungen im sektoralen Gefüge seiner Arbeitswelt. Eine Zeit lang schien es, als würde die Angleichung der Arbeitslosenzahlen zwischen Ost und West das vorrangige Ziel sein. Doch diese Sichtweise muss korrigiert werden, denn sie ist zu eng gefasst, angesichts der heutigen Problematik, die tiefer reicht und breitere Schichten der Gesellschaft berührt. Der vorübergehende Sieg über hohe Arbeitslosenzahlen wird jetzt von einer brisanten Mischung aus demografischem Wandel, Fachkräftemangel und anhaltender Abwanderung jugendlicher Potenziale überschattet.

Es ist unübersehbar: Der ostdeutsche Arbeitsmarkt steht vor einem Paradox. Trotz eines historischen Tiefs der Arbeitslosenquote vor der Corona-Krise, findet sich eine wachsende Anzahl an Betrieben in der misslichen Lage, nicht genügend qualifiziertes Personal zu finden, um den Arbeitsalltag aufrechtzuerhalten – sei es in der Pflege, im Handwerk oder der Medizin. Die Bundesregierung mag konzeptionelle Lösungen wie die Weiterentwicklung der Fachkräftestrategie anstreben, doch ist fraglich, ob sich konkrete Ergebnisse in der gebotenen Eile manifestieren werden.

Um Ostdeutschlands Arbeitsmarkt nachhaltig zu stärken, bedarf es einer mehrschichtigen Initiative. Die in Betracht gezogenen arbeits- und sozialpolitischen Strategien müssen radikaler sein als bisher. Zunächst gilt es, die Erwerbsbeteiligung von Frauen zu fördern und Arbeitslose konsequent weiterzubilden. Doch was nützt die Qualifikation, wenn keine adäquaten Arbeitsplätze zur Verfügung stehen? Es bedarf einer Intensivierung des Bildungssektors sowie der Ausbildungsplätze, um dem Fachkräftemangel von morgen entgegenzuwirken.

Gerade im Hinblick auf die Qualifizierung und Weiterbildung müssen ostdeutsche Betriebe aufholen. Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Nur 33 % der Betriebe beteiligen sich an Weiterbildungsmaßnahmen, eine Zahl, die für die Wettbewerbsfähigkeit nicht ausreicht. Es ist dringend erforderlich, dass sowohl staatliche als auch betriebliche Anreizsysteme geschaffen werden, die eine langfristige Investition in Humankapital fördern.

Ferner lässt sich der Verzug nicht schließen, ohne auch Zuwanderung und Integration erfolgreich zu meistern. Die Offenheit der Gesellschaft und die Attraktivität der Region für ausländische Arbeitskräfte werden entscheidend sein, um nicht nur die Wirtschaft am Laufen zu halten, sondern auch, um sozialen Niedergang zu verhindern.

Die ostdeutsche Wirtschaft kann nur dann florieren, wenn es gelingt, ihre Arbeitsplätze attraktiv zu gestalten. Angleichung der Entlohnung an westdeutsche Standards und eine konsequente Durchsetzung von Tariflöhnen sind essenziell, um der Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte entgegenzuwirken. Die geplante Mindestlohnerhöhung ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber sie muss in einen größeren Rahmen eingebettet und durch weitere Maßnahmen wie die Stärkung der Tarifbindung ergänzt werden.

Ein integrierter Ansatz, der zugleich an den Strukturen des Arbeitsmarktes, der sozialen Gerechtigkeit und der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft ansetzt, ist nötig. Es reicht nicht, lediglich einzelne Aspekte zu beleuchten. Das Dilemma Ostdeutschlands auf dem Arbeitsmarkt ist ein Indikator für tiefgreifende sozioökonomische Diskrepanzen. Um diese zu überwinden, müssen wir bereit sein, unser arbeits- und sozialpolitisches Denken neu zu organisieren und innovative Strategien zu entwickeln, die eine nachhaltige Transformation ermöglichen. Nur so können wir verhindern, dass Ostdeutschland in einem Zustand des dauerhaften Nachholbedarfs verharrt.

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