Neuer Plan zur Zuwanderung im Osten

Die ostdeutsche Fachkräfteklemme: Ein unverstandenes Problem?

In der ostdeutschen Politik weht ein neuer Wind: Die Ministerpräsidenten der neuen Länder haben erkannt, dass ohne mehr Fachkräfte aus dem Ausland die Wirtschaft nicht mehr konkurrenzfähig bleibt. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff spricht von der Fachkräftesicherung als „existenzielle Voraussetzung“. Doch was hier als Lösung verkauft wird, ist nichts weiter als der Versuch, die demografischen und wirtschaftlichen Versäumnisse der letzten Jahrzehnte zu überdecken. Was wirklich fehlt, ist nicht nur die Zahl an Menschen, sondern das Bekenntnis der Landespolitik zu zukunftsfähigen Bedingungen und Perspektiven für all jene, die bereit wären, das Wagnis Ostdeutschland einzugehen.

Die Rhetorik ist klar: Mehr Zuwanderung, aber nur, wenn diese Arbeitsplätze füllt und nicht die Sozialsysteme belastet. Solche Sätze wecken Erinnerungen an die 1990er Jahre, als ähnlich restriktiv formulierte Integrationsforderungen gestellt wurden. Doch die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt haben sich geändert. Wer nach Ostdeutschland kommen soll, braucht attraktive Lebensbedingungen, stabile Jobperspektiven und ein Umfeld, in dem die gesellschaftliche Offenheit mehr als nur eine politische Forderung ist.

Das eigentliche Problem ist viel tiefgreifender: Ein struktureller Mangel an Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, die junge Menschen dauerhaft an den Osten binden. Gerade in Berufen, die den ländlichen Raum stärken könnten – wie im medizinischen Bereich – fehlen nicht nur die Arbeitskräfte, sondern auch die Ausbildungsstätten. Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt fordert daher mehr Freiheiten bei der Vergabe von Medizinstudienplätzen. Doch wo war diese Einsicht, als bundesweit die Infrastruktur und die Ausbildungsstätten abgebaut wurden, auch in den ostdeutschen Ländern? Dass gerade jetzt Stimmen laut werden, liegt weniger am veränderten Arbeitsmarkt als am politischen Druck, in Wahlzeiten Lösungen vorzuweisen.

Dabei stellt sich die Frage, wie viel Zuwanderung die Gesellschaft tatsächlich akzeptieren kann, wenn gleichzeitig bestehende Diskrepanzen im sozialen und wirtschaftlichen Gefüge nicht abgebaut werden. Die Diskrepanz zwischen Stadt und Land, zwischen Ost und West, wird nicht kleiner, wenn keine Infrastruktur aufgebaut wird, die diesen Entwicklungen gerecht wird. Die Politik der letzten Jahre hat eher Barrieren verstärkt, statt sie abzubauen. Eine Ministerpräsidentenkonferenz, die kurzfristig Zuwanderung als Allheilmittel propagiert, um die eigene Wirtschaft am Laufen zu halten, ist kaum die Grundlage für eine langfristige gesellschaftliche Perspektive.

Diese unvollendete und von Krisen geschüttelte Infrastruktur bedroht selbst die Grundversorgung: Im ländlichen Raum wird die ärztliche Versorgung zunehmend zur Herausforderung. Mediziner fehlen schon heute, und es ist absehbar, dass sich dieser Trend ohne gezielte Gegenmaßnahmen weiter verschärfen wird. Dass die Regierungschefs sich nun auch Telemedizin als Lösungsansatz vorstellen, zeigt nur, wie verzweifelt die Lage ist. Das Vertrauen der Bürger wird kaum gestärkt, wenn grundlegende medizinische Leistungen durch eine digitale Notlösung ersetzt werden sollen, die nicht für die akute Versorgung gedacht ist.

Wenn nun Thüringen den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz übernimmt, stehen die neuen Regierungsverantwortlichen vor einer Mammutaufgabe. Der Osten Deutschlands braucht mehr als nur Fachkräfte – er braucht eine Perspektive, die über wirtschaftliche Interessen hinausgeht.

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