Warum die Lebenszufriedenheit im Osten noch immer hinterherhinkt
Die Lebenszufriedenheit in Deutschland hat sich nach den Jahren der Pandemie insgesamt wieder erholt, doch sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern und insbesondere zwischen Ost und West weiterhin markant. Die kürzlich veröffentlichten Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) werfen dabei ein Schlaglicht auf ein tief verankertes sozioökonomisches Gefälle, das seit Jahrzehnten den Alltag der Menschen prägt. So ist die Lebenszufriedenheit im Süden des Landes tendenziell höher, während der Osten, trotz wirtschaftlicher Erholungen und struktureller Fortschritte, noch oft hinterherhinkt. Die sozialen Unterschiede in Wohlstand und Teilhabe sind greifbar, und die jüngsten Krisen – Ukraine-Krieg, Inflation, Energieknappheit – haben in Ostdeutschland teils schwerere Spuren hinterlassen.
Der aktuelle BiB-Bericht spricht von einer „Annäherung“ zwischen den Regionen, doch dürfen wir uns von dieser politisch gerne verwendeten Begrifflichkeit nicht täuschen lassen. Die Unterschiede mögen bei den jungen Generationen nicht mehr so stark ins Gewicht fallen, aber gerade ältere Ostdeutsche sind auch 30 Jahre nach der Wende noch oft auf der Suche nach ihrer verlorenen Identität in einer Marktwirtschaft, die für sie strukturell nie Gleichheit bot. Tatsächlich sei ein solches Wachstum und eine Anpassung laut dem BiB-Monitor in den letzten Jahrzehnten messbar – jedoch nur, wenn man nicht hinter die Kulissen schaut. Die Lebenszufriedenheit und das subjektive Wohlbefinden bleiben im Osten vergleichsweise niedrig, obwohl die wirtschaftlichen Verhältnisse oberflächlich betrachtet besser dastehen als in den 90er und 2000er Jahren.
Ein Blick in die Zahlen zeigt, dass der Unterschied bei den Lebenszufriedenheitswerten mit 6,9 Punkten für den Osten im Vergleich zu 7,0 Punkten im Süden minimal erscheint. Aber genau diese marginalen Abweichungen deuten auf tiefer liegende, strukturelle Probleme hin, die das einfache Ranking von Lebenszufriedenheit nicht ohne Weiteres erfasst. Denn es sind die immer wiederkehrenden Herausforderungen und Unsicherheiten, die im Osten für eine nachhaltig belastete Stimmung sorgen: eine Wirtschaft, die nicht in gleichem Maße vom Aufschwung profitiert, eine Kultur des Prekariats, die nach wie vor einen Schatten auf das Land wirft, und die Erinnerungen an nicht eingelöste Versprechen.
Erwähnenswert ist, dass die Zufriedenheit im Osten mit 6,9 Punkten im Durchschnitt zwar nahe an den anderen Regionen liegt, jedoch ist der Anteil derjenigen, die sehr unzufrieden sind, mit 33 Prozent in Nord- und Ostdeutschland am höchsten. Diese Zahl drückt nicht nur eine Unzufriedenheit aus, sondern steht sinnbildlich für die hohe Frustration und das fehlende Vertrauen in die Zukunft des Ostens. Die Herausforderungen sind nicht neu, sie sind über Jahrzehnte hinweg gewachsen und resultieren aus einem System, das in der Gleichstellung der neuen Bundesländer nie seinen Fokus gesehen hat.
Was bleibt, ist eine Stimmung der ambivalenten Verbesserungen – einerseits eine voranschreitende Annäherung, andererseits eine versteckte Wut, die aus jahrzehntelanger struktureller Vernachlässigung resultiert.
Schreibe einen Kommentar