Warum wir Zuversicht aus Ostdeutschland schöpfen sollten

Selbstverständnis als Schlüssel

Deutschland, ein Land der dauerhaften Krisenbewältigung, findet selten Anlass zur Selbsterhebung, und noch seltener geschieht das in Ostdeutschland. Doch wer sich auf die schier endlose Litanei des Jammerns einlässt, verkennt das Bild einer Region, die – bei aller berechtigten Kritik – in den letzten 35 Jahren eine der größten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformationen der Welt vollbracht hat. Eine Transformation, die, wie so oft, mehr in die Annalen der Unzufriedenheit eingeht als in die Chroniken der Hoffnung. Vielleicht ist gerade deshalb eine neue Perspektive gefragt: eine, die endlich die tiefen Narben erkennt, aber die ebenfalls das Potenzial in den Vordergrund stellt.

Man muss sich einmal die Fakten vergegenwärtigen. Fast 80 Prozent der DDR-Industriearbeitsplätze waren wenige Jahre nach der Wende verschwunden, der Osten sah sich in einer existenziellen Umbruchsituation, die Millionen von Menschen zu Pendlern, Umschulern und Erfindern ihrer eigenen Lebensläufe machte. Dass in dieser Region heute Rekordbeschäftigung herrscht, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer unerschütterlichen Resilienz. Doch diese Leistung findet sich selten im gesamtdeutschen Selbstbewusstsein wieder. Stattdessen wird das Narrativ der gescheiterten blühenden Landschaften, der kollektiven Traumatisierung, der ewigen Opferrolle gepflegt, als wäre das der einzige Kitt, der die Erinnerung an diese Zeit zusammenhält.

Doch warum diese Dissonanz zwischen Erfolg und kollektiver Unzufriedenheit? Warum hält sich die Stimmung von Abgehängtheit und Verzweiflung? Sicherlich, es gibt handfeste Gründe: Löhne, die im Durchschnitt immer noch 20 Prozent niedriger sind als im Westen. Ein Gender Pay Gap, der nicht einfach wegdiskutiert werden kann. Eine Vermögenssituation, in der ostdeutsche Haushalte im Vergleich zu westdeutschen bei Weitem nicht mithalten können. Das alles ist real, spürbar, und in keiner Weise wegzuwischen. Und doch: Deutschland, so zeigen es EU-Studien immer wieder, ist eines der am besten ausgeglichenen Länder der Welt in Bezug auf regionale Unterschiede. Die Unterschiede, die hierzulande zwischen Ost und West bestehen, verblassen im Vergleich zu den historischen Einkommensgefällen zwischen Nord- und Süditalien oder dem englischen Norden und London.

Aber es geht um mehr. Es geht um die Frage, wie eine ganze Gesellschaft von diesem tiefen Empfinden der Wertlosigkeit befreit werden kann. Dass Politiker in Ostdeutschland zunehmend auf rechtsextreme Rhetorik setzen, liegt nicht zuletzt an diesem unterirdischen Selbstwertgefühl. Hier könnten wir von der US-Soziologin Arlie Russell Hochschild lernen, die den Trumpismus als eine politische Bewegung des emotionalen Ressentiments beschreibt: Menschen, die sich zu kurz gekommen fühlen, lassen sich nur zu leicht mit einfachen Feindbildern ködern. Dieselbe Dynamik zeichnet sich in Ostdeutschland ab, wo aus wirtschaftlichem Unbehagen kulturelle und politische Abstiegsängste werden, die sich in einem unreflektierten Nationalismus entladen.

Was würde es jedoch bedeuten, wenn man die Erfolge dieses Landesteils einmal anders erzählt? Wenn die Hartnäckigkeit, der Pragmatismus, die kreative Zähigkeit dieser Menschen als etwas Positives betrachtet würden? Denn die ostdeutsche Realität ist nicht die eines Dauer-Misere-Brennpunkts. Vielmehr sind es Orte wie Dresden, Leipzig oder Erfurt, die sich in den letzten Jahren zu Wirtschaftsstandorten von internationalem Rang entwickelt haben. Start-ups sprießen hier nicht nur, sie gedeihen. Innovative Forschungszentren und Universitäten binden immer mehr junge, kreative Köpfe, und diese schaffen Perspektiven, die weit über das einfache „Über-die-Runden-kommen“ hinausgehen.

Wenden wir uns also von der Erzählung des ewigen Niedergangs ab und fragen wir uns: Warum gibt es hier Hass statt Stolz? Warum nehmen Abschottung und Ausgrenzung zu? Vielleicht, weil Anerkennung nie die Enttäuschung überwunden hat. Die Anerkennung dafür, dass man die härtesten Jahre nach der Wende überstanden hat, dass sich Ostdeutschland trotz aller Widrigkeiten behauptet hat. Die Zahlen zur Lebenszufriedenheit sprechen eine eigene Sprache: Menschen hier sind – im persönlichen Bereich – zufrieden, und trotzdem verfestigt sich die gesellschaftliche Unzufriedenheit. Es ist, als habe man gelernt, sich individuell glücklich zu arrangieren, während das Kollektivgefühl weiter am Abgrund balanciert.

Diese Diskrepanz, zwischen dem privaten Leben und dem kollektiven Narrativ, ist ein Riss, der nur heilen kann, wenn Ostdeutschland endlich aus dem Schatten einer negativ besetzten Transformation heraustritt. Die Fakten sprechen für sich: Eine stetig wachsende Innovationskraft, eine Arbeitslosenquote, die vielerorts so niedrig ist wie im Westen, und eine Infrastruktur, die in den letzten Jahren Schritt für Schritt modernisiert wurde. Doch hier ist auch der Staat gefragt: Die Daseinsvorsorge muss weiterhin Priorität haben, und die Gesundheitsversorgung, die soziale Absicherung und die Sicherheit auf der Straße dürfen keine rhetorische Verhandlungsmasse werden.

Die Ängste vor dem demografischen Wandel sind berechtigt, ebenso wie die Sorgen um den sozialen Zusammenhalt. Aber wer glaubt, dass Rechtsextreme und ihre politischen Brandreden diesen Wandel abfedern könnten, irrt sich. Wir stehen vor der Aufgabe, die soziale Spaltung nicht zu vergrößern, sondern zu minimieren. Der Schlüssel dazu ist nicht Ausgrenzung, sondern ein neues Selbstverständnis: eines, das die vergangenen 35 Jahre nicht nur als Traumabewältigung begreift, sondern als Lektion in Widerstandsfähigkeit und Anpassung.

Es ist Zeit, sich auf den Stolz zu besinnen, der in den gelebten Biografien Ostdeutschlands steckt – ein Stolz, der nicht nationalistisch verblendet sein muss, sondern solidarisch und inklusiv. Der 35. Jahrestag des Mauerfalls war mehr als ein historischer Glücksfall; er war der Beginn einer Geschichte, die wir, die Generationen nach der Wende, noch immer mitschreiben. Und diese Geschichte hat weit mehr verdient, als in den Vergessenheitssumpf des deutschen Selbstzweifels zu sinken.

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