Zwischen Nostalgie und Neubeginn
Die SPD und Ostdeutschland – eine Beziehung voller Abgründe, Sehnsüchte und unzähliger Sonntagsreden. Da sitzt sie nun, Klara Geywitz, stellvertretende SPD-Vorsitzende und Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, und erklärt mit ernstem Gesicht, warum ausgerechnet die SPD die Hoffnung der Ostdeutschen sein soll. Währenddessen flackert auf den Fernsehbildschirmen die AfD mit zweistelligen Umfragewerten über die Küchenarbeitsplatten der Lausitz. Man kann es nicht anders sagen: Die politische Landschaft östlich der Elbe gleicht einer Baustelle – irgendwo zwischen Verzweiflung und Aufbruchsstimmung.
Geywitz glaubt fest daran, dass die SPD das Zeug hat, 2025 in Ostdeutschland erneut zu überzeugen. Ihre Waffen: soziale Gerechtigkeit, sichere Renten, ein starker Mindestlohn. Klingt wie das Greatest Hits-Album der Sozialdemokratie, das seit Jahrzehnten in jeder Parteizentrale rauf- und runtergespielt wird. Und doch: Der Mindestlohn ist erhöht, Millionen Menschen – gerade im Osten – haben mehr Geld in der Tasche. Kann man feiern, ja. Aber feiern sie das auch in Cottbus, wo der nächste Supermarkt fünf Kilometer entfernt liegt und die Inflation die Einkaufswagen halb leer macht?
Olaf Scholz, Kanzler und in Potsdam heimisch, ist derweil so etwas wie der stille Schwiegersohn der Ostdeutschen. Kein Lautsprecher, eher der bedachte Buchhalter, der sich in Krisenstaaten wie ein gelassener Hausarzt verhält. Scholz’ Politik: vernünftig, ruhig, aber eben auch ohne große Gefühle. Während Scholz den russischen Angriffskrieg mit einem fein austarierten Mix aus Waffenlieferungen und diplomatischer Zurückhaltung beantwortet, marschiert die AfD – mit lautem Getöse und einfachen Antworten – von Protestwahl zu Protestwahl. Und jetzt mal ehrlich: Gegen ein Bierzelt voller Polemik kommt keine Kabinettssitzung an.
Aber zurück zu Geywitz. Sie spricht von Strukturwandel, von Erfolgen in den Kohlerevieren der Lausitz, von Tarifauseinandersetzungen. „Wir sind die Partei der Arbeitnehmer“, sagt sie. Und in den leeren Hallen ehemaliger Textilfabriken hallt dieser Satz vielleicht sogar noch nach. Aber reicht das? Reicht es, mit den alten Losungen neue Wähler zu gewinnen? Die Antwort darauf liegt nicht in Parteitagen oder Hochglanzbroschüren, sondern in den Dorfkneipen, in den Pendlerzügen und ja, auch in den Chatgruppen der Skeptiker.
Die SPD hat es mit einer Generation zu tun, die wenig Bindung zur Partei verspürt. Viele der ostdeutschen Stammwähler sind nicht mehr da, zu alt, zu müde, zu desillusioniert. Die jungen Menschen, die geblieben sind, blicken oft misstrauisch auf Berlin. Strukturwandel? Klingt gut, aber wo bleiben die Jobs? Wo bleiben die Busverbindungen? Wo bleibt die Zukunft? Die Lausitz, einst Motor der DDR-Wirtschaft, wirkt für viele wie ein Museum ohne Besucher.
Und dann ist da noch die Konkurrenz. Die AfD, die von Protestwählern getragen wird und sich längst als Partei der „Vergessenen“ inszeniert hat. Die CDU, die mit ihrem Pragmatismus punktet. Und irgendwo dazwischen die Grünen, die mit Klimaschutz und Nachhaltigkeit gerade in urbaneren Gegenden Wähler finden. Die SPD hingegen? Irgendwo zwischen Nostalgie und notwendigem Realismus.
Was die Partei braucht, ist ein radikales Umdenken. Nicht nur die ewig gleichen Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit, sondern auch die konkreten Antworten auf die spezifischen Probleme des Ostens. Wie wäre es zum Beispiel mit einem echten Mobilitätspakt für ländliche Regionen? Oder einer Innovationsstrategie, die nicht nur Start-ups fördert, sondern auch traditionelle Betriebe mitnimmt? Und vor allem: Wie könnte die SPD den Menschen im Osten das Gefühl geben, dass sie nicht nur gehört, sondern auch verstanden werden?
Es reicht nicht, die Vergangenheit zu feiern. Die Menschen im Osten erwarten Zukunft. Und sie erwarten Antworten. Ob die SPD diese liefern kann, wird sich zeigen. Eines ist jedoch klar: Der Wahlkampf 2025 wird kein Spaziergang, sondern ein Kampf um Vertrauen. Ein Kampf, den die Partei nur gewinnen kann, wenn sie bereit ist, ihre eigenen Baustellen ernsthaft anzugehen. Bis dahin bleibt viel zu tun. Viel zu erklären. Und noch mehr zu beweisen.
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