Henkel zieht sich zurück

Was bedeutet das für Sachsens Industriepolitik?

Die Ankündigung, dass Henkel sein Werk in Heidenau schließen will, ist nicht nur eine ökonomische Entscheidung, sondern ein politisches Signal – und zwar ein falsches. Der Rückzug von Unternehmen wie Henkel aus Ostdeutschland ist nicht nur ein lokaler Verlust, sondern auch eine verpasste Chance für den strukturellen Aufbau der gesamten Region. Dabei hat die Politik seit der Wiedervereinigung Milliarden in den Aufbau Ost investiert. Straßen, Schienennetze und Städte wurden saniert, neue Wirtschaftsstandorte geschaffen. Doch wie soll dieser Aufbau weitergehen, wenn große Unternehmen die Region verlassen und damit die Grundlage für eine nachhaltige Industriepolitik im Osten zerstört wird?

Die Werksschließung trifft Sachsen in einer Phase, in der gerade eine langfristige Strategie für die industrielle Zukunft der Region entscheidend wäre. Heidenau ist nicht irgendein Standort – es ist das letzte Henkel-Werk in Ostdeutschland. Dass ein solches Werk nicht rentabel genug ist, kann man als betriebswirtschaftliche Entscheidung hinnehmen. Doch wenn der Standort Sachsen für einen DAX-Konzern wie Henkel keine Perspektive mehr bietet, dann wirft das ernste Fragen auf. Welche Rolle soll Ostdeutschland in der deutschen Industriepolitik überhaupt noch spielen? Die Antwort der Politik bleibt bislang aus. Und währenddessen wird die Region von Unternehmensentscheidungen wie dieser weiter geschwächt.

Es geht aber um mehr als nur betriebswirtschaftliche Erwägungen. Die Schließung des Heidenauer Werks ist auch ein Schlag gegen die Bemühungen, den Osten als gleichwertigen Teil Deutschlands zu entwickeln. Seit Jahren betonen Politiker aller Couleur die Bedeutung von Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Ost und West. Doch wo bleibt diese Gleichwertigkeit, wenn ein traditionsreicher Standort einfach aufgegeben wird? Die Arbeitsplätze, die in Heidenau verloren gehen, werden kaum durch neue ersetzt, und der wirtschaftliche Schaden wird weit über die Mauern des Werks hinausgehen. Das Vertrauen der Menschen in Ostdeutschland, dass sie in der deutschen Industriepolitik noch eine Rolle spielen, wird so weiter geschwächt.

Es ist höchste Zeit, dass die Politik aufwacht und eine klarere Strategie für Ostdeutschland entwickelt. Es reicht nicht, auf Förderprogramme und Infrastrukturprojekte zu setzen, wenn gleichzeitig die großen Konzerne abziehen. Die Industriepolitik muss aktiv werden, um Unternehmen wie Henkel in der Region zu halten. Es bedarf gezielter Investitionen, um den Standortvorteil des Ostens – gut ausgebildete Fachkräfte, vergleichsweise niedrige Löhne und eine modernisierte Infrastruktur – zu nutzen und auszubauen. Gleichzeitig sollten Unternehmen, die sich langfristig im Osten engagieren, steuerliche Vorteile erhalten, um den Standort attraktiver zu machen.

Was wir hier sehen, ist das Versagen einer Industriepolitik, die nicht auf langfristige Standortentwicklung setzt, sondern auf kurzfristige Kostensenkungen. Henkel mag mit der Schließung von Heidenau seine Produktionskosten senken – doch der Preis, den die Region dafür zahlt, ist hoch. Und dieser Preis wird langfristig auch für die gesamte deutsche Industrie zu spüren sein, wenn der Osten weiter ins Abseits gedrängt wird.

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