Die unterschätzten Potenziale: Warum Sachsen-Anhalt bei Führungskräften aus dem Osten umdenken muss

Die Wiedervereinigung Deutschlands liegt nun mehr als drei Jahrzehnte zurück, und trotzdem scheinen die Schatten der Trennung ungleich lange Arme zu haben, wenn es um die Verteilung von Führungspositionen in den Behörden Sachsen-Anhalts geht. Während es in der Polizeiinspektion oder beim Landeskriminalamt zu einer beinahe selbstverständlichen Repräsentation mit ostdeutscher Herkunft kommt – anerkennenswerte 92 und 89 Prozent –, stagnieren andere Behörden wie die Landeszentrale für politische Bildung oder das Landeszentrum Wald bei einem Anteil, der mit 25 und 17 Prozent weit hinter dem gesellschaftlichen Mittelwert zurückbleibt.

Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die Gleichberechtigung von Ost- und Westdeutschen im Hinblick auf Führungsverantwortung ist auch nach Jahrzehnten der Einheit bislang nicht erreicht. Das Grundgesetz mag den Grundsatz der Bestenauslese verankern und postulieren, dass Eignung, Befähigung und fachliche Leistung die Leitplanken der Besetzungspolitik sein sollen, doch kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der ostdeutsche Geburtsort für viele Bewerber immer noch wie ein Unsichtbares Minuszeichen wirkt.

Die Bemühungen des Bundes und der Länder, wie das jüngst verabschiedete Bundeskonzept zur Verbesserung der Repräsentation Ostdeutscher, deuten zwar auf ein Problembewusstsein hin, doch sind die gemachten Fortschritte, wie das langsame Anwachsen von 10,9 auf 12,2 Prozent in Spitzenpositionen seit 2018, zu zögerlich. Sie sind kleine Schritte auf einem Weg, der eher einem Marathon gleicht. Wie also gegensteuern?

Die Lösung liegt nicht darin, das Prinzip der Bestenauslese außer Kraft zu setzen oder Ostdeutsche zu bevorzugen; sie liegt vielmehr darin, das Feld zu ebnen. Das heißt konkret: Die Förderung und Entfaltung ostdeutscher Talente muss an den Anfangspunkten von Karrieren ansetzen. Eine objektive Leistungsbewertung, frei von impliziten Vorurteilen, muss gefördert werden. Es gilt, Strukturen zu schaffen, in denen Ostdeutsche sich ohne Hürden einbringen und entwickeln können.

Es gilt zudem, das Thema aktiv auf der politischen Agenda zu halten und für eine stetige Sensibilisierung bei Personalverantwortlichen zu sorgen. Forschungsvorhaben, wie sie vom Ostbeauftragten der Bundesregierung unterstützt werden, sind essenziell, um die komplexen Hintergründe der Unterrepräsentation zu durchleuchten und evidenzbasierte Handlungsempfehlungen zu entwickeln.

Die Unterrepräsentation ist nicht nur ein Problem für Ostdeutsche, sondern auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt. Eine ausgewogene Repräsentation in Führungspositionen ist ein Indikator für funktionierende soziale Durchlässigkeit und ein Zeichen gegen versteckte Barrieren – beides wesentliche Bestandteile einer lebendigen Demokratie, in der sich jeder Bürger repräsentiert und wertgeschätzt fühlt. Die Zeit des bloßen Wartens ist vorbei. Es braucht einen Kulturwandel, der die Bestenauslese wahrhaft nach Leistung und Potenzial und nicht nach der Himmelsrichtung des Geburtsortes bemisst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert